“Unser Erfurt, unsere Regeln” – ein Kommentar zum Wahlkampfplakat der AfD

Am kommenden Sonntag wählen die Thüringer Kommunen ihre Stadt- und Gemeinderäte. Der Wahlkampf dafür läuft auf Hochtouren – mit teils hochproblematischen Botschaften, findet Dr. Martin Fischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte Erfurt (FKZE). Seine Aufmerksamkeit hat insbesondere ein Wahlplakat der “Alternative für Deutschland” erregt: Es trägt die Aufschrift “Unser Erfurt, unsere Regeln!” und zeigt eine durchgestrichene Moschee.

Kommentar von Dr. Martin Fischer

Als Theologe und als Historiker fallen mir in Anbetracht dieses Wahlplakats gleich mehrere Dinge ein. Und obwohl ich ja normalerweise der AfD nicht viel Beachtung schenke, weil sie meines Erachtens viel zu überbewertet wird, finde ich, dass ich bei so einem Plakat nicht schweigen kann, sondern wenn ich so etwas sehe – und ein ähnliches Motiv wurde ja bereits zur Oberbürgermeisterwahl verwendet und war höchst umstritten – dann muss ich mich, wenn es nun wieder geschieht, irgendwie dazu verhalten und Position beziehen. Das tue ich als katholischer Theologe und Historiker mit Forschungsschwerpunkt Zeitgeschichte. Ich möchte zumindest an drei Punkte erinnern:

  1. Wir erinnern dieser Tagen an 70 Jahre Grundgesetz. Es ist die Verfassung, die seit knapp 29 Jahren auch in unserem schönen Erfurt gilt. Wenn ich also schreibe: “Unser Erfurt, unsere Regeln”, dann sind es eben diese Regeln, die die Gründungsväter der Bundesrepublik uns ins Grundgesetz geschrieben haben. Und Artikel 4 sichert darin die Religionsfreiheit zu. Wenn man nun eine Moschee auf einem Verbotszeichen zeigt, möchte man dann Moscheen verbieten oder den Islam? Das Prinzip der Religionsfreiheit scheint sich bis zu den Verantwortlichen dieses Plakates noch nicht herumgesprochen zu haben.

  2. Natürlich muss ich an eine historische Analogie denken, wenn eine Religion bzw. religiöse Minderheit per se diskreditiert wird. Mit der durchgestrichenen Moschee und dem großen Schriftzug “Unser Erfurt” wird ja ein kontraststarker Gegensatz konstruiert: wir und nicht ihr! Es ist für mich derselbe Geist wie “Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden” – auch da das “wir” als Deutsche und nicht “ihr”, die Juden. Dieses Plakat vermittelt nichts anderes als plumpen Islamhass! Ob nun der Antisemitismus wie 1933 oder das jetzt hier: Beides ist einfach widerlich!

  3. Mich erinnert es ganz unweigerlich an den Seligen Dompropst Bernhard Lichtenberg. Als am Abend des 9. November 1938 die Synagoge brannte, bestieg Dompropst Lichtenberg die Kanzel der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale und sagte: “Was gestern war, wissen wir. Was morgen ist, wissen wir nicht. Aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt: Draußen brennt die Synagoge. Das ist auch ein Gotteshaus”. … eine Moschee übrigens auch!

Zum Autor: Dr. Martin Fischer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte Erfurt (FKZE) an der Universität Erfurt. Er forscht zum christlichen Leben in der DDR.

Hinweis der Redaktion: Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors bzw. der Autorin und nicht die der Redaktion wieder.

2 thoughts on ““Unser Erfurt, unsere Regeln” – ein Kommentar zum Wahlkampfplakat der AfD

  1. Sehr geehrter Dr. Fischer,
    Volle Zustimmung zu Ihrem Kommentar! Dieses Positionierungen sind, wie ich finde, sehr notwendig, da nicht wenige Christen ebenfalls zur afd tendieren.

    Zwei Anmerkungen, bzw Ergänzungen:
    1. Da auch vier Frauen mit beeindruckender Energie am Grundgesetz mitgewirkt haben, finde ich es konsequent und richtig, nicht nur von „Gründungsvätern“, sondern auch von „-Müttern“ zu sprechen. Denn wovon nicht gesprochen wird, das ist auch nicht im Bewusstsein….
    2. Als aus dem Westen Zugezogene höre ich besonders aufmerksam zu, wenn Menschen, die als Christinnen und Christen viel Lebenszeit in der DDR verbracht haben, mir von ihren Erlebnissen erzählen. Vermutlich war es nie ein Bild auf Plakaten, aber eine Geisteshaltung war es doch mindestens, am liebsten auch Kirchen durchzustreichen. Auch vor diesem Hintergrund haben wir, so denke ich, eine besondere Verantwortung, wenn es um Religionsfreiheit geht.

    Mit herzlichen Grüßen,
    Katharina Pomm (Kath. Klinikseelsorge Bad Berka)

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