Berater, statt Wächter: Prof. Dr. Josef Römelt über die Aufgabe Klinischer Ethikkomitees

Wer medizinische Fragen diskutiert kommt häufig nicht umhin sich auch mit Belangen der Moral und Ethik auseinanderzusetzen. Die Frage danach, was Ärztinnen und Ärzte dürfen – und was nicht  schürt dabei schnell Verunsicherung. Prof. Dr. Josef Römelt, Moraltheologe an der Universität Erfurt, berät als Mitglied verschiedener Klinischer Ethikkomitees die Krankenhäuser der Stadt Erfurt und ihr Personal in eben solchen Fällen. Für THEOLOGIE AKTUELL berichtet er von seiner Arbeit.

von Prof. Dr. Josef Römelt

Warum sind ethische Fragen in einer neuen Form in der Entwicklung moderner Medizin wichtig geworden? Warum gibt es Ethikkomitees oder Angebote zur Ethikberatung? Es werden unterschiedliche Komponenten diskutiert:

  • Die Ausdifferenzierung moderner Medizin. Der einzelne Fachkollege kann die vielen Optionen der anderen Fachbereiche nicht mehr überblicken. Über das ärztliche Konzil hinaus stellen sich Fragen nach gemeinsamer Zielrichtung von Therapie, welche die unmittelbar medizinischen Aspekte überschreiten können.
  • Die zunehmende Subjektivierung der Beurteilung von Therapieoptionen. Das betrifft vor allem den Patienten: Nur er kann abschätzen, wie viel Kraft er im Blick auf den Verlauf seiner Krankheit hat. Darüber hinaus aber auch im Blick auf Therapieverläufe. Die Belastung der Therapie selbst ist aufgrund der Möglichkeiten moderner Medizin neben die “Krankheitskosten” getreten. Deshalb ist die Selbsteinschätzung der Patienten wichtiger geworden in der Vielfalt der Optionen. Aber auch das ärztliche oder pflegerische Urteil im Blick auf Therapieverläufe hat gelegentlich eine rein naturwissenschaftliche Einschätzung überschritten. Das darf man nicht zu irrational sehen. Aber es gibt Dimensionen medizinischer Entscheidungen, die offenbar in (sagen wir einmal) ganzheitliche Dimensionen verweisen.
  • Schließlich: Der zunehmende Kostendruck mit seinen ökonomischen Aspekten. Die Einstellung, Patienten alle nur möglichen Optionen aus dem Bereich von ärztlichem Wissen und pflegerischer Kompetenz zur Verfügung zu stellen, scheint immer wieder mit Fragen gerechter Verteilung von Ressourcen zu kollidieren. Das wirft sensible Fragen in der Einschätzung von angezeigten Therapiepfaden sowie der Organisation der Abläufe im Krankenhaus und ähnlichem auf.
Aber was heißt eigentlich Ethik in diesem Zusammenhang? Medizinische Indikationen müssen objektiv und naturwissenschaftlich begründet sein. Pflege hat doch eine klare krankheitsbezogene empirische Basis. Geht es da nur um irrationale Einschätzungen? Schwer objektivierbare Befindlichkeiten? Im wissenschaftlichen Kontext wird Ethik als rational klärbare Dimension moralischer Verantwortung im Kontext komplexer Gesellschaft und ihren Entscheidungen zur Wahrung der Menschenwürde verstanden. Es werden Begründungsmuster analysiert, wie nachvollziehbare vernünftige moralische Entscheidungen aussehen können. Sie werden in ihrer Relevanz und ihren Grenzen beschrieben.

“Deshalb ist es wichtig, dass ein Ethikkomitee sich nicht zum moralischen Wächter aufwirft, sondern die eigene beratende Funktion
ganz klar vor Augen hält.”

– Prof. Dr. Josef Römelt

Das Ethikkomitee im Krankenhaus versammelt wie eine Art Konsil unterschiedliche Kompetenzen. Es versucht durch diese Kooperation die “ganzheitliche” Dimension von Entscheidungen einzulösen. Aber zugleich sind die beteiligten Fachbereiche in einer Art Alltagsvernunft angefragt. Weil sich die Fragestellungen nur in einer gemeinsamen Konsensfindung annähernd lösen lassen. Vielleicht sogar nicht einmal lösen, sondern nur gemeinsam tragen lassen.

Deshalb ist es wichtig, dass ein Ethikkomitee sich nicht zum moralischen Wächter aufwirft, sondern die eigene beratende Funktion ganz klar vor Augen hält. Ethikkomitees haben keine Macht. Sie sind eine Dienstleistung für die Mitglieder einer Klinik. Und die große Kunst ihrer Tätigkeit ist, so nah an den Problemen der Glieder der verschiedenen Bereiche der Klinik zu sein, dass diese die Beratung als wirkliche Hilfe und nicht als zusätzliche Belastung in den sowieso schon sehr komplizierten Abläufen einer modernen Klinik erleben und erfahren.

Deshalb lebt ein Ethikkomitee von dem gemeinsamen Weg, den die Mitglieder des Komitees durchlaufen. Man muss sich gegenseitig kennenlernen, gemeinsam eine Gesprächskultur und eine Form des Austausches aufbauen, die den sensiblen Fragen innerhalb von ärztlicher Kompetenz, Pflege, Verwaltung und mitmenschlicher Kommunikation entspricht. Dazu gehört sehr viel Erfahrung, Geduld, aber auch Präzision und Mut. Aber es ist keine Hexerei.

Ein professionell aufgebautes Ethikkomitee arbeitet deshalb immer auch auf verschiedenen Ebenen. Es versucht vor allem eine flexible Struktur aufzubauen, um rasch auf Anfragen aus dem Raum der verschiedenen Bereiche der Klinik reagieren zu können. Es darf in diesem Sinne nicht zu groß und unbeweglich sein, sondern muss ohne komplizierte Zeitverluste Mitglieder zur Verfügung stellen, die in sensiblen Entscheidungen zur Stelle sind und beraten. 

Aber es kann auch Pfade für mögliche Entscheidungen in immer wiederkehrende Situationen anbahnen. Leitlinien entwickeln, die eine Hilfe sind, um die Gewissensentscheidung der Mitglieder der Klinik zu schärfen. Es geht nicht darum, die Entscheidung, die schon rein rechtlich die jeweiligen Träger von Kompetenzen im ärztlichen, pflegerischen, verwaltungstechnischen und organisatorischen Bereich tragen, zu ersetzen. Immer geht es darum, zu begleiten und zu unterstützen.

Der Autor 

Prof. Dr. Josef Römelt ist Professor für Moraltheologie an der Universität Erfurt. Er forscht unter anderem zu Paradigmen der theologischen Ethik nach dem II. Vatikanischen Konzil und zu Fragen der Rechtsethik sowie der Medizinethik.

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