Prof. Dr. Jörg Seiler ist neuer Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät

Im Fakultätsrat vom 1. Oktober wurde Prof. Dr. Jörg Seiler zum neuen Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt gewählt. Am Mittwoch erfolgte nun die offizielle Ernennung durch das Präsidium der Universität. Der Kirchenhistoriker übernimmt das Amt von Prof. Dr. Dr. Thomas Johann Bauer, der der Fakultät seit 2017 vorstand. Für “Theologie Aktuell” legt er dar, welche Themen und Ziele ihm als neuen Dekan wichtig sind.

von Prof. Dr. Jörg Seiler

Theologie studieren und lehren in Erfurt bedeutet: sich auf den spezifischen politischen, weltanschaulichen, kulturellen und religiösen Kontext Mittel- und Ostdeutschlands einzustellen bzw. sich mit diesem auseinanderzusetzen. Das war bereits seit der Gründung des “Philosophisch-Theologischen Studiums” (1952) – der Vorgängerinstitution der heutigen Katholisch-Theologischen Fakultät – so. Alle Kolleginnen und Kollegen sind, natürlich in den je spezifischen Möglichkeiten ihrer Fachprofession, hierfür sensibilisiert. Wer neu zu uns kommt, ganz gleich in welcher Funktion, bekommt das mit. Unsere Emeriti haben diese Haltung gelebt. Diese Sensibilität setzt eine kommunikationsbereite Aufmerksamkeit voraus. Als Dekan gestalte ich dies nach innen und außen.

“Wer nach Erfurt kommt, der/die ist hier
bei uns gerne willkommen”

– Prof. Dr. Jörg Seiler

Was bedeutet das konkret?

  • Eingebunden in das Netz einer Universität, die sich ein geisteswissenschaftliches Profil gegeben hat, tragen wir dieses Profil als Fakultät verlässlich mit und sind auch gerne bereit, es weiterzuentwickeln. Das betrifft alltägliche Aufgaben, aber auch den Einsatz dafür, dass die Universität Erfurt in der Hochschullandschaft Deutschlands einen guten Klang hat. Die Aufnahme in die DFG hat dies ja gezeigt. Als Theologe habe ich diesen Prozess ein wenig begleiten können und ich kann das bestätigen, was alle damals Beteiligten dachten: “Eigentlich könnten wir ruhig öfters einmal uns selbst und anderen gegenüber unsere Qualitäten darstellen.” Das ist nicht arrogant zu verstehen. Da wir im Alltag so oft allem Möglichen hinterherrennen müssen, sehen wir oft nicht, welche Strecken wir bereits hinter uns gebracht haben und welche Räume wir uns schon eröffnet haben. Die neuen Schwerpunktfelder der Universität eröffnet die Möglichkeit, den Kontakt zu anderen Fakultäten vor allem im Bereich der Forschung, vielleicht aber auch im Kontext neuer Studienformate, zu intensivieren. “Religion” spielt als Thema nicht nur bei uns eine Rolle. “Villa Martin” und “Domstraße 10” dürfen gerne noch mehr Begegnungsorte sein. Ich bin neugierig, wie und zuversichtlich, dass uns das gelingt.

  • Seit nunmehr drei Jahren führen wir sehr erfolgreich das Projekt “Wissenskommunikation” durch. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt, Frau Desiree Haak, eröffnet uns hier Resonanzräume in der Universität, in Gesellschaft und Kirche. Zugleich reflektieren wir, dass unsere Arbeit immer und grundsätzlich einen Vermittlungsaspekt hat. Hier gilt es, dieses Arbeitsfeld dauerhaft zu etablieren.

  • Wir suchen Kooperationen und schaffen Raum zum theologischen Gespräch. All jene Kontakte, die zu Fakultäten im In- und Ausland bestehen, stellen uns in ein Netzwerk hinein, das wir wünschen und gestalten – seien es institutionalisierte Kontakte oder die Pflege des persönlichen Austauschs über jene Kolleginnen und Kollegen, die international besonders stark engagiert sind. Ich stelle mir die Theologische Fakultät gehalten in diesem Netz vor, an dem wir selber weiterspinnen. Ich wünsche mir fragende und gerne auch rebellische Studierende, denn die “Sache”, für die wir als Theolog*inn*en einstehen, ist buchstäblich “frag-würdig”. Argumente bedürfen keiner Machtabsicherung. Typisch für Netzwerke ist ja, dass es kein Zentrum und keine Peripherie gibt. Innerhalb der Ausbildungsstätten für katholische und evangelische Theologie in Mittel- und Ostdeutschland haben wir im “Forum junge Theologie” ein Format etabliert, bei dem sich jährlich Nachwuchswissenschaftler*inn*en treffen, um eigene Projekte und den Stand der theologischen Forschung zu diskutieren. Hier zeigen sich die guten Kontakte zu den Forschungs- und Ausbildungsstätten in Hochschulen in Jena, Leipzig, Halle und Dresden. In nächster Zeit freue ich mich vor allem darauf, den Kontakt zum Institut für Katholische Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin zu gestalten, an dem wir sehr interessiert sind.

  • Die etablierten (gesellschafts-)politischen Diskussionsformate (Kreuzganggespräche; “Theologie im Gespräch mit Politik”) bieten die Möglichkeit, aktuelle Fragen öffentlich auch unter theologischer Perspektive zu diskutieren. Mit dem “Katholischen Forum im Land Thüringen” haben wir hier einen kompetenten Kooperationspartner. Die jeweiligen Verantwortlichkeiten seitens der Fakultät sind in den kommenden Semestern bereits an Kolleg*inn*en delegiert, die ggf. von ihrer Fachdisziplin her eigene Akzente setzen werden.

  • Ich freue mich über jede Beteiligung hiesiger Theologen und Theologinnen an Veranstaltungen und Gremien im kirchlichen Raum, sei es “ganz oben” im Vatikan, in der Bischofskonferenz, oder hier in unseren Ortskirchen, Pfarreien und Verbänden Mittel- und Ostdeutschlands. Wir tun da ganz schön viel! Theologie und kirchliches Tun und Sein begleiten sich gegenseitig mit Sympathie und reflektierter Kritik. Es gibt hier auch grundsätzliche Un-Zuständigkeiten und Freiräume. Dies immer zu bedenken und klar zu haben, gehört auch in den Aufgabenbereich eines Dekans. Als Fakultät sind wir im höchsten Maße dankbar dafür, dass das Bistum Erfurt mit seinem Bischof und den zuständigen Gesprächspartnern im Katholischen Büro und Generalvikariat unsere Arbeit nachhaltig unterstützen. Es ist nicht selbstverständlich, wenn – wie beim jüngsten Berufungsverfahren geschehen – ein Bischof aus Interesse (und nicht als Glaubenswächter!) bei Bewerbungsvorträgen für freie Professuren anwesend ist. Wir pflegen einen guten Kontakt zum Priesterseminar und freuen uns über jeden Theologen, den wir auf diesem Weg begleiten können. Gerne hätten wir mehr davon! Auch hier ist die durch die Diktatur der DDR geprägte Tradition und im europäischen Rahmen herausgehobene Besonderheit der ostdeutschen (Nicht-)(Religions-)Kultur ein “Zeichen der Zeit”. Das Priesterseminar nimmt die Herausforderung an durch die “Pius-WG”. Mit dem Mentorat sind wir eng verbunden.
      
  • Kommunikationsbereite Aufmerksamkeit bedeutet auch, für ein Arbeitsumfeld zu sorgen, zu dem man gerne kommt, Studierende, Angestellte, Professor*inn*en, Hilfskräfte, wissenschaftliche Mitarbeiter*inn*en. Arbeit (und Studium) darf nicht krank oder unzufrieden machen. Manchmal ist Druck drin angesichts der Arbeitsfülle, von Interessenskonflikten oder auch weil wir einfach alle so sind, wie wir sind. Ich wünsche mir einen respektvollen Umgang bei zielorientiertem (und vielleicht auch manchmal: erfolgsorientiertem) Arbeiten. Zuweilen müssen wir lernen, fünf ein bisschen grader sein zu lassen als es die Zahl eigentlich ist.

“Wort und Worte sind Lebenselixier.
Herzliche Einladung zum Gespräch – allen und ohne Vorbehalte”

– Prof. Dr. Jörg Seiler

Die Fakultät ist fachlich gut aufgestellt, forschungsstark und – nicht zuletzt durch das Theologische Forschungskolleg – mit einer exzellenten Forschungsförderung und Nachwuchswissenschaftler*inn*en “gesegnet”. Die vielen Gastwissenschaftler*inn*en, die uns jährlich besuchen, sind gerne hier. Wer nach Erfurt kommt, der/die ist hier bei uns gerne willkommen.

Geschichte und Gegenwart, Profil und Rahmenbedingungen, Scheitern und Gelingen, Streit und Pluralität, Neugierde und Gewohntes – all das sollte uns Ansporn sein: Wir haben etwas zu sagen in einer Welt, in der das Gesagte und Sagbare beliebig geworden zu sein scheint. Nicht, weil wir es besser wüssten, sondern weil wir selbst im und “unter dem Wort” stehen. Wort und Worte sind Lebenselixier. Herzliche Einladung zum Gespräch — allen und ohne Vorbehalte!

Das neue Dekanat der Katholisch-Theologischen Fakultät

Prof. Dr. Jörg Seiler wurde vom Präsidium der Universität Erfurt am 22. Oktober offiziell zum neuen Dekan ernannt. Mit der Wahl zur Prodekanin wurde weiterhin Prof. Dr. Maria Widl in ihrem Amt bestätigt. Darüber hinaus wurde Brigitte Kanngießer durch das neue Thüringer Hochschulgesetz mit Wirkung zum 1. Oktober zur Fakultätsgeschäftsführerin.

Zum Autor: Jörg Seiler ist Professor für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Erfurt.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, die Geschichte des Deutschen Ordens im Reich, Kirchengeschichte in kulturwissenschaftlicher Perspektive und Historische Friedensforschung / Kirche im Krieg.

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