Sakramente im Kontext: Theologie vor neuen Fragestellungen im 21. Jahrhundert

“Das System Kirche droht zu kollabieren”, urteilten Theologinnen und Theologen kürzlich bei einer Tagung in Prag. Unter dem Titel “Sakramente im Kontext: Die theologischen Disziplinen vor neuen Fragestellungen im 21. Jahrhundert” fanden sich vom 21. bis 24. März Forscherinnen und Forscher aus Deutschland, Tschechien, Slowenien und Polen zusammen, um über die Auswirkungen von Säkularisierungsprozessen sowie jüngster Skandale auf die Kirche und deren Sakramente zu diskutieren. Für THEOLOGIE AKTUELL fassen Prof. Dr. Julia Knop und Prof. Dr. Benedikt Kranemann die Tagung zusammen.

von Prof. Dr. Julia Knop und Prof. Dr. Benedikt Kranemann

Am 21. März machten sich elf Mitglieder des Theologischen Forschungskollegs der Universität Erfurt – darunter Professorinnen und Professoren sowie Doktorandinnen und Doktoranden aus Erfurt und Jena – auf den Weg nach Tschechien. Thema der nunmehr fünften Tagung der Kooperation zwischen dem Forschungskolleg mit Kolleginnen und Kollegen der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karls-Universität Prag lautete: “Sakramente im Kontext. Die theologischen Disziplinen vor neuen Fragestellungen im 21. Jahrhundert.” Ort der Tagung war das barocke Refektorium im Dominikanerkloster mitten in der Prager Altstadt.

Im Hintergrund des Tagungsthemas stehen die Veränderungen und teils gravierenden Umbrüche, die die Kirchen in Europa derzeit erleben. Von ihnen berichteten sowohl die Erfurter Theolog*innen als auch die Prager Kolleg*innen ebenso wie die polnischen und slowenischen Gäste der Veranstaltung. Ursachenanalyse und Gegenwartsdiagnostik, theologische und rituelle Ab- und Aufbrüche müssen sorgfältig bearbeitet werden. Den interkulturellen und internationalen Vergleich und die interdisziplinäre Herangehensweise in Prag erlebten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durchweg als ausgesprochen weiterführend.

Kirche im Transformationsprozess

Säkularisierungsprozesse zeitigen nach wie vor ihre Wirkung – kulturell durchaus unterschiedlich –, nicht weniger aber die derzeitigen innerkirchlichen Erschütterungen und Skandale. Waren in der Vergangenheit die Sakramente – vor allem Taufe und Eheschließung  – weiterhin wichtige Punkte im Leben auch derjenigen, die ansonsten wenig kirchliche Bindung wünschen, sind auch in diesem Feld Veränderungen und Abbrüche unübersehbar. Zugleich entstehen neue Rituale, die gegenwärtig als “rites de passage” von Menschen ganz unterschiedlicher religiöser Prägung nachgefragt werden: Segnungsfeiern anlässlich der Geburt eines Kindes oder am Lebensende, Segnungen von Paaren, die den Bedingungen der kirchlichen Ehelehre nicht entsprechen (z.B. Paare, die in zweiter Ehe verheiratet sind oder homosexuelle Paare), und sogenannte “Lebenswende-Feiern” für Jugendliche am Übergang zum Erwachsenenalter.

Damit beschäftigte sich aus liturgiewissenschaftlicher und dogmatischer Perspektive die öffentliche Auftaktveranstaltung der Fachtagung, die auch von interessierten Pragerinnen und Pragern rege besucht und simultan übersetzt wurde. An zwei Kurzvorträge aus Erfurter Perspektive schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Sie zeigte, wie sehr in den Ortskirchen Deutschlands und Tschechiens sowie in den jeweiligen Theologien derzeit Kirche in einem tiefgreifenden Transformationsprozess erlebt wird.

Auch im traditionellen kirchlichen Milieu sind Veränderungen in der Sakramentenpraxis unabweisbar. So ist beispielsweise die kirchlicherseits immer noch als einzige sakramentale Feier der Versöhnung vorgesehene Einzelbeichte nahezu vollständig zum Erliegen gekommen. Theologische und rituelle Neuaufbrüche aus Tschechien und Slowenien wurden vorgestellt und diskutiert. Von polnischer Seite wurden neue Zugänge zum Verständnis der Ehe präsentiert. Im säkularen Tschechien sind die Kirchen diejenigen Institutionen, die eine Trauerkultur reklamieren und überhaupt ein Ritual zum Begräbnis eines Verstorbenen anbieten; der Tod ist vielfach banal geworden.

Erfurter Doktorandinnen und Doktoranden weiteten die Perspektive und stellten nicht-sakramentale Liturgien aus DDR-Kontexten sowie den Philippinen vor. Ein deutsch-tschechisches Podium befasste sich mit Impulsen aus der Zeit der Alten Kirche; ein weiteres gab einen umfassenden Einblick in neuere Forschungen zur Kirche in der DDR und in der kommunistischen Tschechoslowakei.

Zerstörtes Vertrauen und gebrochene Verbundenheit

Eindrücklich zeigte sich in Diskussionen und Gesprächen, wie ähnlich die prekäre Situation der katholischen Kirche in Tschechien, Deutschland, Polen und Slowenien wahrgenommen und beurteilt wird. Missbrauchsverbrechen durch Priester und Bischöfe samt ihrer schleppenden Aufklärung, Finanzskandale, eine seit Jahrzehnten unzeitgemäße Sexualmoral, Klerikalismus und tief sitzende Homophobie erschüttern und zerstören Vertrauen und Verbundenheit der Gläubigen mit der Kirche. Das System Kirche droht zu kollabieren; an nachhaltiger Aufarbeitung und ernsthaften strukturellen und doktrinalen Reformen besteht allenthalben Zweifel.

Unüberhörbar war aber auch der Appell der osteuropäischen Kolleginnen und Kollegen, die deutsche Kirche und insbesondere die deutsche Theologie mögen vorangehen und konstruktiv in die Weltkirche hineinwirken. In den Gesprächen zwischen den Vorträgen wurde zudem deutlich, wie notwendig eine Diskussion über die freie wissenschaftliche Entfaltung der Theologie gegenwärtig ist.

Internationale Kooperationen leben nicht nur von wissenschaftlicher Arbeit, sondern ganz wesentlich auch von kulturellem Austausch. Auch dazu war reichlich Gelegenheit: in Prag in der Salvatorkirche mit ihrer derzeitigen Text-Intervention, einer Lichtinstallation am Hochaltar, und in Kutná Hora mit seinen beeindruckenden Sakralbauten, dem Dom St. Barbara, der Jakobskirche und der Zisterzienserkirche Mariä Himmelfahrt, schließlich dem ins Skurrile gehenden, touristisch aber rege nachgefragten Sedletz-Ossiarium, einem Beinhaus voller “dekorativ” zusammengestellter menschlicher Knochen.

Auf der Rückfahrt von Kutná Hora nach Prag traf die Gruppe Tomáš Halík, einen der wichtigsten Intellektuellen der katholischen Kirche in Tschechien und Ehrendoktor der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Halík berichtete freimütig von seiner Sicht auf die aktuellen Probleme von Kirche und Gesellschaft. Er erneuerte seine auch schon öffentlich bekundete Hoffnung, dass Papst Franziskus eine nachhaltige Reform der Kirche initiieren werde. Im Gespräch mit der Tagungsgruppe wurde aber zugleich deutlich, dass der Zeitpunkt für solche Reformen auch verpasst werden kann.

Am letzten Tag besichtigte die Gruppe zwei architektonisch und liturgisch anspruchsvolle Kirchbauten aus den 1930er Jahren in Prag, die Herz-Jesu-Kirche und die St.-Wenzel-Kirche. Mit Norbert Schmidt, der im Sommersemester 2018 bereits als Fellow des Forschungskollegs in Erfurt zu Gast war, war ein tschechischer Architekt anwesend, der in den vergangenen Jahren im Atelier von Josef Pleskot daran mitgearbeitet hat, den Altarbereich der Herz-Jesu-Kirche umzubauen. Die heutige liturgische Praxis der Sakramente wurde anhand der Räume kritisch diskutiert: Was bewirken Schranken zwischen Gemeinde und Klerus? Welchen Stellenwert weist der Raum der Wortverkündigung zu? Braucht man einen Priestersitz, wenn ja, wo und in welchen Dimensionen?

Eindrucksvoll war neben den fachlichen Diskussionen in Prag der Austausch mit Theologinnen und Theologen aus West- und Mitteleuropa über Fragen von Kirche, Theologie und Gesellschaft. Er half, sich gegenseitig in der eigenen wissenschaftlichen Arbeit und im Engagement für Reformen in der Kirche zu ermutigen. Dies wurde als so wichtig erlebt, dass direkt eine 6. Tagung für 2021 in Erfurt vereinbart wurde.

Zu den Autor*innen: Julia Knop ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. 

Zu ihren aktuellen Forschungsschwerpunkten zählt die Frage der Verortung und Begründung dogmatischer Theologie angesichts der zunehmenden Irrelevanz und Implausibilität der Gottesfrage. Weitere Interessensschwerpunkte sind die Hermeneutik des II. Vatikanischen Konzils sowie die metakritische Analyse systematisch-theologischer Konzepte und Ansätze.

Benedikt Kranemann ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät sowie Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität Erfurt.

Seine Publikationen beschäftigen sich vor allem mit der Geschichte und Theologie des Gottesdienstes. Er ist weiterhin Leiter des Theologischen Forschungskollegs an der Universität Erfurt sowie Berater verschiedener Kommissionen der Deutschen Bischofskonferenz.

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