Pilgern – Einblicke in die aktuelle Ausgabe von “Theologie der Gegenwart” (2/2019)

Was bedeutete es zu pilgern? Was heißt es unterwegs zu sein – und überhaupt: unterwegs wohin? Zu Gott vielleicht? Oder zu sich selbst? Die aktuelle Ausgabe der Erfurter Schriftreihe “Theologie der Gegenwart” widmet sich der Kultur des Pilgerns aus theologischen sowie religionswissenschaftlichen Blickwinkeln.

von Prof. Dr. Norbert Baumann 

“Zwischen Gottsuche und Selbstfindung. Eine Kulturgeschichte des Pilgerns”: Unter diesem Titel führten Frau Dr. Isabella Schwaderer, Allgemeine Religionswissenschaft, und ich im Sommersemester 2017 mit dreißig Studierenden einen Studium Fundamentale-Kurs an der Universität Erfurt durch. Solch ‘grundlegende’, interdisziplinäre Veranstaltungen richten sich an Studierende aller Erfurter Studienrichtungen und können sich, so das Erleben, als sehr bereichernd erweisen. Dieser Kurs führte die Vielfalt und Verbreitung des Phänomens ‘Pilgern’ vor Augen, das sich bereits in der gesamten Antike findet. In den nachchristlichen Jahrhunderten wenden sich Christinnen und Christen pilgernd Gott oder einem Heiligen zu und möchten dessen Nähe erfahren. 

Pilgerwege vernetzen ganz Europa und bilden Orte des geistigen Austauschs. Aus unterschiedlichen Regionen und Epochen liegen Pilgerberichte vor. Bisweilen überschreitet ein Pilger die Grenzen, in denen er bisher lebte, um schwierige Situationen zu bewältigen. Er stellt sich dem Abenteuer (gebildet aus dem mittelhochdeutschen “aventiure”: dem, was auf ihn zukommt). Die kulturhistorische Annäherung an die Pilger-Thematik ließ uns einen Bogen bis zu heutigen Phänomenen schlagen. Was einen Pilger auszeichnet – etwa Mobilität, Suche nach Glück und Sinn sowie die Erfahrung von Grenzen –, kennzeichnet auch den Menschen der Gegenwart. 

Einblicke in die aktuelle "Theologie der Gegenwart"

Drei Beiträge dieses Heftes widmen sich einzelnen Aspekten des Pilgerns. Notker Baumann stellt Zeugnisse spätantiker Pilgerschaft zu irdischen Stätten vor, skizziert das christliche Selbstverständnis des eigenen Fremdseins in der Welt (peregrinatio) und fragt, wie eng diese beiden Pilger-Verständnisse miteinander verbunden sind. Aus religionswissenschaftlicher Perspektive ordnet Isabella Schwaderer das Phänomen Pilgern als Metapher für spätmoderne Religiosität ein, geht ihm als Übergangsritual nach und hebt dessen leiblichen Aspekt heraus. Die Annahme eines identitätsstiftenden Potenzials des Pilgerns nimmt Tobias Hack zum Anlass, nach einem möglichen Beitrag der Tugendethik zur menschlichen Identität unter postmodernen Bedingungen zu fragen. 

Ergänzt wird das Heft durch einen Beitrag von Jan Loffeld, der pastorale Berufe am Ende der Eindeutigkeit sieht und Menschentypen darstellt, die eine Pastoral in der Vieldeutigkeit ermöglichen. Josef Pilvousek schließlich zeichnet verschiedene Aspekte des Lebens von Christinnen und Christen in der DDR nach und beschreibt ihre kirchlichen Möglichkeiten. Gute Lektüre!

Über die Schriftreihe “Theologie der Gegenwart”
Die Schriftreihe “Theologie der Gegenwart” wurde 1958 begründet. Ihr Ziel ist es, Leserinnen und Leser einen Einblick in die zeitgenössische theologische Arbeit und Entwicklung auf internationaler Ebene zu geben. Den in der praktischen Seelsorge und Glaubensvermittlung Tätigen soll sie es weiterhin ermöglichen, Erkenntnisse der Fachtheologie für ihre Arbeit auszuwerten. Ein breites Spektrum würde dadurch erreicht, dass neben Originalartikeln immer auch Übersetzungen von Artikeln aus ausländischen Zeitschriften und Veröffentlichungen geboten wurden. Seit 1989 erscheint sie bei Butzon & Bercker (Kevelaer).

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Hinweis der Redaktion: Auf ihrer Homepage bietet “Theologie der Gegenwart” den jeweils ersten Beitrag einer Ausgabe sowie Buchbesprechungen als Volltext zum nachlesen an. Alle weiteren Beiträge können exemplarisch angelesen werden. 

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