Raum und Altes Testament – Einblicke in die aktuelle Ausgabe von “Theologie der Gegenwart” (4/2018)

Was verstehen wir unter “Raum”? Einen Gegenstand, ein natürliches oder von Menschenhand geschaffenes Konstrukt oder doch eher einen Referenzrahmen, in dem sich menschliches (und göttliches) Handeln vollzieht? Die Forschung denkt den Raumbegriff derzeit neu und wirft damit auch frische Schlaglichter auf theologische Studien. Die jüngste Ausgabe der “Theologie der Gegenwart” greift diese Perspektiven im Hinblick auf die Auslegung alttestamentlicher Texte auf.

Raum neu denken

Das Thema der aktuellen Ausgabe von “Theologie der Gegenwart” ist angeregt durch neuere Forschungstendenzen. In verschiedenen Kulturwissenschaften wurde und wird darüber reflektiert, wie “Raum” aufgrund veränderter Kriterien neuartig zu denken ist. Um einen Wandel in den Raum-Auffassungen zu veranschaulichen, wird oft ein Beispiel herangezogen: Von einem herkömmlichen Verständnis des Raumes als Behälter, in dem Menschen leben und handeln (Container Modell), hebt sich eine neuere Auffassung ab, die den Raum als relationale Anordnung von Lebewesen sowie von sozialen Gütern versteht (vgl. die Soziologin Martina Löw) und die den so verstandenen Raum in eine Reihe von Prozessen eingebunden sieht (relationales und dynamisches Modell). 

Die Diskurse zum Raum fallen sehr vielfältig aus und sind in Bewegung. Neue, theoretisch reflektierte Aufmerksamkeiten für den Raum fanden Eingang in Disziplinen, die Texte untersuchen, und wurden auch für die Auslegungen des Alten Testaments herangezogen. Gemachte Erfahrungen zeigen, dass die raumbezogenen Ansätze in alttestamentlichen Texten “mehr” sehen und in deren Auslegung einbringen. 

Einblicke in die aktuelle "Theologie der Gegenwart"

Marlen Bunzel geht im Buch Ijob der Gottesbeziehung Ijobs nach. Sie entwickelt im Gefolge des Spatial turn einen heuristisch hilfreichen Begriff von  “Beziehungsraum” und zeigt, dass sich Ijob auf unterschiedliche Weisen im “Beziehungsraum mit Gott” wiederfindet und darin einen entscheidenden Wandel durchmacht. 

Sarah Fischer befasst sich mit dem Abschnitt Hld 2,8–14 und arbeitet mit drei Raumperspektiven. Sie geht auf Beispiele ein, welche die facettenreiche Beziehung zwischen der Geliebten und dem Geliebten veranschaulichen. 

Cornelia Aßmann wendet sich im Buch Ezechiel drei aufeinander bezogenen Texten zu, die Judas Untergang und Exilserfahrungen aufarbeiten. Sie zeigt, wie das Neuausloten von Israels Beziehung mit JHWH auch im Raum der Völker geschieht.

Norbert Clemens Baumgart geht auf die Erzählung zum Aramäer Naaman 2 Kön 5 ein, der in
Israel von seiner Krankheit geheilt wird. Er schlüsselt die Bögen auf, die sich zwischen Naamans Stehen zunächst vor Elischas Haus und dann direkt vor Elischa sowie zwischen JHWHs Agieren zugunsten von Aram und Naamans Beziehungsaufnahme mit JHWH in Aram spannen.

Egbert Ballhorn verbindet die Raumkonstruktionen im Buch Baruch mit Fragestellungen der hellenistischen Diaspora, auf die das Buch reagiert. Einerseits richtet sich die Diaspora auf Jerusalem hin aus; andererseits wird der Kosmos als Haus Gottes verstanden, in dem durch das Halten der Tora der Lebensweg im Licht Gottes gegangen werden kann.

Unter der Rubrik “Theologie im Diskurs” analysiert Markus Weißer soteriologische Aspekte im Schreiben der Glaubenskongregation “Placuit Deo” vom Februar 2018.

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Hinweis der Redaktion: Auf ihrer Homepage bietet “Theologie der Gegenwart” den jeweils ersten Beitrag einer Ausgabe sowie Buchbesprechungen als Volltext zum nachlesen an. Alle weiteren Beiträge können exemplarisch angelesen werden. 

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