“Mein Herz ist mit Erfurt verbunden” – Tomáš Halík erhält Bundesverdienstkreuz

Dem tschechischen Theologen Prof. Dr. Tomáš Halík ist am 21. Oktober in der deutschen Botschaft in Prag das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen worden. Halík hatte 1978 in Erfurt die geheime Priesterweihe empfangen. Seit 2014 ist er außerdem Ehrendoktor der Universität Erfurt. Für “Theologie Aktuell” erinnert sich Prof. Dr. Michael Gabel an einen außergewöhnlichen Theologen sowie dessen Verbundenheit mit Erfurt.

von Prof. Dr. Michael Gabel

Der tschechische Theologe und Ehrendoktor der Universität Erfurt Tomáš Halík erhielt am Montag, den 21. Oktober 2019, in der deutschen Botschaft in Prag den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, verliehen. Nach Mitteilung der Botschaft in Prag sollte durch die Ehrung das Engagement von Halík für die deutsch-tschechische Versöhnung, den interreligiösen und internationalen Dialog sowie den Humanismus gewürdigt werden. Die eindrucksvolle Lebensleistung des Geehrten war bereits Gegenstand früherer Würdigungen im Jahr 2014, an die auch bei der Verleihung des Verdienstordens erinnert wurde: die Verleihung des Templeton-Preises im Blick auf das Eintreten für den interreligiösen Dialog sowie die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Erfurt durch die Katholisch-Theologische Fakultät, mit der die wissenschaftliche Leistung von Tomáš Halík als Theologe und Soziologe gewürdigt wurde.

Der 21. Oktober als Tag der Verleihung des Verdienstordens hat große Symbolkraft. Genau vor 41 Jahren am Samstag, dem 21. Oktober 1978, empfing der im Untergrund ausgebildete tschechische Theologiestudent Tomáš Halík die Priesterweihe –­ streng geheim vom Erfurter Bischof Hugo Aufderbeck in der Kapelle des Bischöflichen Ordinariats am Erfurter Hermannsplatz. Noch nicht einmal im nur wenige Meter entfernten Priesterseminar wusste man davon, um die Ordination vor den Geheimdiensten zu schützen. 

Zuvor schon hatte Halík seine theologische Ausbildung bei Erfurter Theologie-Professoren geheim empfangen, ebenso wie seine künftige Tätigkeit als Priester und Seelsorger in Prag für Studierende und Akademiker der Karlsuniversität und andere Ratsuchende streng geheim im Untergrund erfolgen musste. Ausgangspunkt dieses verborgenen Weges war die Erfahrung des Prager Frühlings, den auch viele DDR-Bürger mit Sympathie verfolgten. Als sich bei der Niederschlagung dieses Erneuerungsprozesses durch sowjetische Panzer 1969 in Prag Jan Palach aus Protest freiwillig selbst verbrannte, beschloss auch Tomáš Halík, sein Leben in den Dienst des Widerstands gegen Diktatur und ideologischen Totalitarismus zu stellen.

“In der Verleihung des Verdienstkreuzes […] an Tomáš Halík  ist deshalb die Anerkennung der persönlich gelungenen Lebenseinheit von christlicher Überzeugung und politisch-gesellschaftlicher Verantwortung zu begrüßen.”
– Prof. Dr. Michael Gabel

Fotos: Verleihung der Ehrenpromotion der Universität Erfurt an Tomáš Halík am 13. November 2014

Die Möglichkeit dafür sah er im aktiven Eintreten für den christlichen Glauben, in der Bezeugung der Menschenfreundlichkeit des Evangeliums Jesu Christi und in der Überwindung ideologischer Vorurteile als Wissenschaftler. Nach der samtenen Revolution 1989 in Prag trat Tomáš Halík öffentlich für die Erneuerung von Theologie und anderen Wissenschaften ein, für eine offene, den Anliegen der Menschen wie dem Glauben gleichermaßen verpflichteten Begleitung akademischer Berufsgruppen, für einen Grenzen überschreitenden Austausch von Nationen, Konfessionen und Religionsgemeinschaften. Dabei half ihm sicher seine Zugehörigkeit zu einer Prager Familie, die zur tschechischen Elite gehörte, sein weiter wissenschaftlicher Horizont und seine Nähe zu Vaclav Havel.

Die konkrete geschichtliche Situation bestimmte nicht nur den Lebensweg des Verdienstträgers, sondern auch sein wissenschaftliches theologisches Lebenswerk. Seine Prägung durch die geistige Situation einer weithin atheistischen und religiös indifferent ausgerichteten Gesellschaft führte zu dem Vorhaben, den christlichen Glauben in dieser geistigen Situation neu zu buchstabieren. Damit aber wurde Tomáš Halík zu einem authentischen “Botschafter des Glaubens” für die deutsche Gesellschaft, vor allem im religiös durchaus vergleichbaren Mitteldeutschland. Die Katholisch-theologische Fakultät der Universität Erfurt hat denn auch bei der Ehrenpromotion von Tomáš Halík hervorgehoben, dass er mit seismographischer Sensibilität die unechten Formen christlicher Frömmigkeit, die sich in undialektischen Verurteilungen und Triumphalismus zeigen, aufzudecken, und ihnen eine Haltung offenen Hörens und Sprechens entgegenzusetzen vermochte. 

Gerade angesichts aktueller Ängste, regressiver Ausbildungen von Hass und Populismus sowie der Ausbildung von Fundamentalismen vermochte seine Reflexion des Christentums die Angst und Verzweiflung überwindenden Kräfte des Glaubens als Hilfe für mutige, Realitäten bejahende und Horizonte eröffnende Aufbrüche in der Gesellschaft zu aktivieren. Ganz in diesem Geist nutzt er seine weltweiten Kontakte für Impulse, aus der Begegnung mit fremden Kulturen und Religionen heraus die Sinngehalte religiöser Traditionen und kultureller Prägungen neu zu erschließen und zu einem alle Beteiligten bereichernden und inspirierenden Dialog zu führen.

In der Verleihung des Verdienstkreuzes erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland an Tomáš Halík ist deshalb die Anerkennung der persönlich gelungenen Lebenseinheit von christlicher Überzeugung und politisch-gesellschaftlicher Verantwortung zu begrüßen. Damit wird sein gleichermaßen politisch wie spirituell geprägtes öffentliches Wirken ebenso gewürdigt wie sein Eintreten für eine Kirche und Gesellschaft, die in der Haltung der Offenheit die Begegnungen von Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen ermöglichen. Mit dem Verdienstorden ehrt die Bundesrepublik eine Persönlichkeit universeller Ausstrahlungskraft, die mit der Erinnerung an geheime Studien und die geheime Erfurter Priesterweihe die nachbarschaftlichen Verbindungen nie vergessen hat. Tomáš Halík schrieb auf die Frage der Fakultät, ob man denn nach der Verleihung des weltweit bedeutsamen Templeton-Preises an ihn noch mit der Ehrenpromotion herantreten könne: “Mein Herz ist mit Erfurt verbunden!”

Glückwünsche der Fakultät

In einem Schreiben vom 23. Oktober gratulierte der Fakultätsrat Prof. Dr. Tomáš Halík zur AuszeichnungAuch auf diesem Wege möchte die Fakultät ihrem Ehrendoktor nochmals die herzlichsten Glückwünsche sowie die höchste Anerkennung seiner herausragenden Leistung im Bemühen um einen politisch-gesellschaftlichen wie wissenschaftlichen Dialog aussprechen.

Zum Autor: Michael Gabel ist Professor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Von 2011 bis 2017 stand er der Fakultät als Dekan vor.

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