Ein Papst auf Augenhöhe: Gedanken zum Film „Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes“ von Wim Wenders

von Dr. Christian Bock

Seit dem 14. Juni läuft “Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes” in den deutschen Kinos. Der Dokumentarfilm von Starregisseur Wim Winders begleitet das Oberhaupt der Katholischen Kirche auf seinen meist wenig alltäglichen Wegen. Für THEOLOGIE AKTUELL hat Dr. Christian Bock, Pfarrer der katholischen Pfarrei “St. Franziskus von Assisi” aus Sömmerda, seine Gedanken zum Film zusammengefasst.

Ein Mann (und ein Film) seines Wortes

Auch wenn es beim Anschauen zunächst anders wirkt – aber der neue Film von Wim Wenders über Papst Franziskus ist ein Film des Wortes, ganz dem Titel entsprechend. Großzügig wird das Wort dem Protagonisten eingeräumt, ob in den Worten der Interviews, die er für diesen Film gegeben hat, oder in den Worten seiner Ansprachen, die er bisher überall auf der Welt gehalten hat, flankiert noch von pointierten Kommentaren des Filmemachers.

All das verbindet sich auf berührende und anrührende Weise mit den zum Teil überwältigenden Bildern, in denen immer wieder jene Menschen zu sehen sind, die zu den Ärmsten der Armen zählen, zu den Schwachen und Ausgestoßenen, zu den Verurteilten und Kranken, zu den Verlieren einer globalisierten Gesellschaft und Weltwirtschaft, deren Logik allein im Recht des Stärkeren und des Gewinners besteht.

Ein Papst in den Schuhen eines Fischers - "Ein Franziskus eben"

Zu diesen Bildern einer geschundenen Schöpfung und dem Leid, das sich die Menschen gegenseitig zufügen, sind die eindringlichen und mahnenden Worte jenes Mannes zu hören, den seine „Brüder Kardinäle“ vom fernsten Ende der Erde gerufen haben, um Bischof von Rom zu sein. Ein Pontifex, der freilich weniger auf dem Thron Petri residiert, sondern der vielmehr in “den Schuhen des Fischers” unterwegs ist. Ein Franziskus eben.

Das führt jedoch zu der Frage nach der inhaltlichen Ausrichtung dieses äußerst sehenswerten Filmes. Denn angesichts des maßlosen Elends unserer gegenwärtigen Lage, das Wim Wenders zuvor schon eindrucksvoll in seinem Film “Das Salz der Erde” in den Fokus seiner Kamera genommen hat, und den damit verbundenen Fragen nach weltweiter Gerechtigkeit, Umweltschutz, Friedensarbeit, Abrüstung und Dialog unter den Völkern, scheint eine andere, mindestens genauso wichtige Frage, im Schatten all der wuchtigen Klagebilder zu stehen.

Eine Anfrage an den Zuschauer

Es ist dies die Frage nach Gott, nach der Kirche und nach dem Glauben in der heutigen Welt. Eine Frage, von der man fast zwangsläufig erwartet, dass ein Papst dazu sprechen würde. Natürlich wird auch diese Frage immer wieder Gegenstand der Ausführungen des Papstes, etwa wenn er über den Schöpfergott spricht, der vom arbeitenden Menschen nachgeahmt wird, oder wenn er auf den einen Gott verweist, dessen Band der Liebe die gesamte Menschheit als eine einzige große Familie vereint, unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion.

Es fällt dabei auf, dass binnenkirchliche und auch ökumenische Themen so gut wie keine Rolle spielen. Und die eindrucksvoll in Szene gesetzte Kurienschelte wird bei ehrlicher Betrachtung zu einer Anfrage an den Zuschauer selbst: Wie steht es mit meiner Glaubwürdigkeit, mit meinem gelebten Glauben?

Die "gelebte Theologie" des Franziskus

Da sich dieser Film bewusst an ein breites Publikum richtet, überrascht dieser Befund nicht. In seiner Außenwirkung ist Papst Franziskus ein Mann, der das zu leben versucht, was er mit eindrucksvollen Worten verkündet. Wem dieser Film zu politisch und vielleicht sogar zu „weltlich“ erscheint, der sollte freilich genau hier noch einmal näher hinschauen. Denn wenn auch das Thema Glaube und Kirche in heutiger Zeit nicht den inhaltlichen roten Faden des Filmes ausmacht, so ist es doch der heimliche Mittelpunkt, um den herum sich all die Bilder und Worte bewegen.

Denn indem der Papst den Finger in die Wunden unserer Zeit legt, indem er den Mächtigen und Verantwortlichen gegenüber deutliche Worte findet, indem er an die Ränder geht und bereit ist, sich dabei die Schuhe schmutzig zu machen, lebt er genau darin das, was eine theoretische Erschließung des Glaubens niemals einzulösen vermag. Diese gelebte Theologie von Papst Franziskus hat ihr Vorbild in dem großen Heiligen Franziskus von Assisi, der einmal gesagt hat: “Verkündige das Evangelium. Und nur wenn es unbedingt erforderlich ist, nimm Worte dazu!”

Ein Film als Einladung

Der Film von Wim Wenders wird damit zu einer Einladung, den eigenen Glauben kritisch an den eigenen Taten der Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung messen zu lassen. Am eindrucksvollsten kommt dies übrigens in einer kleinen Szene des Filmes zum Ausdruck als Papst Franziskus bei einer seiner Reisen inmitten einer riesigen Menschenmenge das Gesicht einer ihm bekannten Ordensschwester entdeckt. Er lässt den Wagen halten, die Schwester, die er vor Jahrzehnten das letzte Mal gesehen hat, wird zu ihm gebracht, er jedoch kommt ihr zuvor, steigt vom Papamobil zu ihr herunter, umarmt sie, schaut sie an und spricht mit ihr.

Kein theologischer Aufsatz könnte besser beschreiben, was in einem solchen Augenblick gelebter Theologie ganz konkret passiert: Gott liebt jeden einzelnen Menschen unbedingt, wendet sich ihm zu und steigt zu ihm herab, um ihm liebevoll ins Angesicht zu schauen und zu umarmen. Der Papst auf Augenhöhe mit den Menschen verkündet einen lebendigen Gott auf Augenhöhe mit allen Menschen. Auch wenn es in diesem Film viele Worte gibt, so sind es doch genau diese Momente ohne Worte, in denen der Film in seiner ganzen Tiefe erfasst werden kann. Und es sind diese Momente, durch die letztlich der Titel des Filmes greifbar wird: Franziskus – ein Mann seines Wortes.

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