Über die rituelle Inszenierung heiliger Zeiten und Orte in Synagogen und Kirchen

Prof. Dr. Peter Ebenbauer ist im Wintersemester 2019/20 als Fellow am Theologischen Forschungskolleg der Universität Erfurt zu Gast. Mit seinem Forschungsprojekt “Die rituelle Transformation von Zeit und Raum im synagogalen Gottesdienst. Konzepte und praktische Umsetzungen im Vergleich zu christlicher Liturgie” ist er zugleich auch Fellow im Research Centre “Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart”. Für “Theologie Aktuell” erklärt der Grazer Liturgiewissenschaftler, der vom 2. bis 22. Februar in Erfurt zugegen sein wird, worum sich seine Forschung dreht und welche Anknüpfungspunkte er hier zu finden hofft.

von Prof. Dr. Peter Ebenbauer

Im Rahmen eines größeren Buchprojektes zur Theologie und Anthropologie christlicher Liturgie arbeite ich gegenwärtig an Fragen räumlicher und zeitlicher Inszenierungen religiöser Inhalte in jüdischer und christlicher Liturgie. Dass ich dies nun in zwei mehrwöchigen Forschungsaufenthalten am Max-Weber-Kolleg bzw. im Theologischen Forschungskolleg in Erfurt tun kann, empfinde ich als ein besonderes Privileg. In den zwei Wochen, die ich Ende Oktober/Anfang November hier verbracht habe, war ich beeindruckt von den intensiven interdisziplinären Arbeitsprozessen in unterschiedlichen Forschungsprojekten und vom freundlichen und unterstützenden Zusammenwirken aller hier tätigen Personen.

Gleich zu Beginn meines Aufenthaltes hatte ich am 28. Oktober die Gelegenheit, in einem Gastvortrag meine bisher gesammelten Erkenntnisse zu Fragen des Jerusalem-Bezuges jüdischer und christlicher Liturgie zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Im Gespräch über einzelne Anspielungen auf den Tempel oder die Stadt Jerusalem in der synagogalen Liturgie bekam ich wichtige Hinweise zu historisch, regional und kontextuell unterschiedlich ausgeformten Repräsentationsfiguren, besonders im Hinblick auf die tempelspezifische Ikonographie des Tora-Schreins. Die Frage, inwieweit man ritualtheoretisch von einer virtuellen Ortsverlagerung oder gar von einer ästhetischen Translokation heiliger Stätten in die gottesdienstliche Handlung im Synagogen- oder Kirchenraum sprechen kann, konnte ich dank der Diskussion für meine weiteren Arbeiten in diesem Themenfeld präzisieren.

[Ich bin] beeindruckt von den intensiven interdisziplinären Arbeitsprozessen in unterschiedlichen Forschungsprojekten […].”
– Prof. Dr. Peter Ebenbauer

Eine wichtige Rolle im Kontext gottesdienstlicher Szenerien spielen neben den örtlichen Bezügen die im Ritual vergegenwärtigten Zeitdimensionen. Die christliche Liturgiegeschichte scheint aufgrund eschatologischer Zeitkonzepte stärker auf die symbolische Imagination von endzeitlichen Zukunftsbildern ausgerichtet zu sein als die jüdische. In der Synagoge scheinen sich die Gebete und rituellen Handlungen dagegen stärker auf innergeschichtliche Erinnerungs- und Hoffnungsaspekte zu konzentrieren. In Analogie dazu habe ich mich in diesen beiden Wochen mit der Frage der “Heiligung der Zeit” durch den jüdischen Schabbat und den christlichen Sonntag beschäftigt. Pointierte Thesen haben diesbezüglich von jüdischer Seite Franz Rosenzweig und Abraham Joschua Heschel vorgelegt, von christlicher Seite etwa der orthodoxe Liturgietheologe Alexander Schmemann mit einem akzentuiert eschatologischen Konzept für die rituelle Symbolisierung der Zeit in der christlichen Sonntagsfeier.

Vor einigen Jahren hat Bruce T. Morrill dieses Konzept mit dem politisch-theologischen Ansatz der “gefährlichen Erinnerung” von Johann Baptist Metz konfrontiert und daraus eine Position entwickelt, die spannende Perspektiven für weiter gehende Fragestellungen auch in der vergleichenden Erforschung von jüdischer und christlicher Zeit-Theologie im Spiegel ihrer gottesdienstlichen Traditionen eröffnet. An der Universitätsbibliothek Erfurt konnte ich mit dieser Literatur konzentriert und ausgiebig arbeiten.

Durch meine Teilnahme an zwei Kolloquien des Max-Weber-Kollegs habe ich die Intensität und Fruchtbarkeit des hier gepflegten interdisziplinären Forschungsdiskurses konkret erleben können. Dabei lernte ich auch aktuelle Konzepte und Differenzierungen innerhalb der Ritualforschung kennen, die für meine weiteren Arbeiten wichtig sein werden.

Die Tagung „Ritual Objects in Ritual Contexts“ (6.-8.11.2019) in Erfurt und Rudolstadt komplettierte meine ersten beiden Fellow-Wochen einerseits mit einer Fülle von Eindrücken aus den mittelalterlichen und neuzeitlichen Judaica-Beständen dieser beiden Städte. Andererseits wurde auch in dieser Tagung deutlich, dass und wie der rituelle Gebrauch solcher Gegenstände nicht einfach eine Komponente unter vielen ist, wenn es um die historische Rekonstruktion jüdischer Religiosität und Praxis geht. Vielmehr sind rituelle Objekte wie etwa Torah-Rollen, gottesdienstliche Textilien oder ein auf Pergament geschriebener und mit einem herrschaftlichen Sigel versehener „Judeneid“ selbst als „Agenten“ zu bewerten, denen im rituellen Handlungsgeflecht eine eigenständige Wirksamkeitsdimension zukommt. 

Ich freue mich, dass ich im Februar 2020 weitere drei Wochen als Fellow im Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ werde verbringen können.

Der Autor

Peter Ebenbauer ist außerordentlicher Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Graz. Während seines Fellowaufenthaltes in Erfurt will er unter anderem Analogien, aber auch die signifikante Differenzen in den Jerusalem-Bezügen jüdischer und christlicher Riten beobachten. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden dann in weiteren Forschungsschritten für eine Anthropologie und Theologie jüdischer und christlicher Liturgie fruchtbar gemacht werden. Prof. Ebenbauer besuchte Erfurt bereits vom 26. Oktober bis 9. November 2019. Er wird vom 2. bis 22. Februar das nächste Mal zugegen sein.

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