War Jesus von Nazaret verheiratet? – Das “Evangelium von der Ehefrau Jesu” und die Rolle der Frau in der frühen Jesus-Bewegung

Auch im Blick auf Jesus von Nazaret und die Anfänge der Kirche sind Verschwörungstheorien beliebt. Im Zentrum solcher Theorien und Spekulationen stehen oft sogenannte “apokryphe Evangelien”. Die geläufige Bezeichnung als “apokryph” (d.h. geheim oder verborgen) mag bereits Anlass für das Urteil sein, dass sich in diesen Texten eine geheime und unterdrückte “Wahrheit” finden lasse. Dies betrifft insbesondere auch die Frage nach der Rolle der Frau in der frühen Jesus-Bewegung. Unter diesem Vorzeichen fand in den letzten Jahren ein Text Aufmerksamkeit, der unter dem vielversprechenden Titel “Evangelium von der Ehefrau Jesu” publiziert wurde. Über Inhalt und Bedeutung des Textes, schreibt Prof. Dr. Dr. Thomas Johann Bauer.

von Prof. Dr. Dr. Thomas Johann Bauer

Im Jahr 2011 wurde von einem privaten Sammler an Prof. Dr. Karen Leigh King, einer renommierten Koptologin und versierten Kennerin der frühchristlichen Schriften an der Havard University (USA), ein Papyrusfragment mit wenigen Zeilen eines koptischen Textes zur Untersuchung und Publikation übergeben. Ein Jahr später stellte Prof. King die ersten Ergebnisse ihrer Übersetzung und Analyse bei einem internationalen Kongress in Rom vor. Der Text löste heftige Diskussionen aus und nicht wenige der anwesenden Forscherinnen und Forscher äußerten Zweifel an seiner Echtheit. Eine Radiokarbonanalyse legt zumindest nahe, dass der Papyrus, auf den der Text geschrieben ist, aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. stammen könnte, und eine paläographische Analyse schien dies zu bestätigen. Auf der Basis dieser Untersuchungen argumentierte Prof. King, dass es sich bei dem Papyrusfragment um eine Abschrift, nicht um das Original (den “Autographen”) des Textes handeln dürfte; der Text selbst wäre deutlich älter und könnte vielleicht sogar bereits im 4. oder 5. Jahrhundert verfasst sein. Inzwischen scheinen sich jedoch die Indizien dafür zu mehren, dass es sich bei dem Text um eine moderne Fälschung handelt.

Das breite Interesse, das dem Papyrustext rasch zuteil wurde, stimulierte sicher schon allein der Titel, den ihm Prof. King bei der Publikation gegeben hat: “Gospel of Jesus’s Wife” – “Evangelium von der Ehefrau Jesu”. Der von Prof. King gewählte Titel ist sicher nicht unproblematisch, benennt aber präzise jenen Punkt des Inhalts, der am meisten die öffentliche Aufmerksamkeit erregt hat.

Soweit der fragmentarische Zustand des Textes erkennen lässt, bietet der Papyrus einen kleinen Abschnitt aus einem Dialog Jesu mit seinen Jüngern. Der Text beginnt mit Worten Jesu, in denen er betont, dass seine Mutter ihm das Leben gegeben hat. Möglicherweise antworten diese Worte auf vorausgehende abwertende Aussagen über die Würde und Stellung der Frau. Die folgenden Worten der Jünger an Jesus sprechen nämlich davon, dass (eine) Maria irgendeiner Sache, wohl der autoritativen Stellung als Jüngerin, nicht würdig ist. Es muss offen bleiben, ob diese Maria mit der Mutter Jesu, Maria aus Magdala oder einer anderen Maria aus dem Kreis der Jüngerschaft Jesu identifiziert werden muss. In den anschließenden Worten Jesu steht dann die spektakuläre Aussage, die so große Aufmerksamkeit erregt und dem Fragment den Namen gegeben hat. Der Jesus des Papyrustextes spricht nun nämlich von “meiner Ehefrau”, die offensichtlich würdig sein soll, seine Jüngerin zu sein. Alles Weitere bleibt unklar.

Was bedeutet das? Ist das Fragment ein Beweis dafür, dass das kirchliche Jesusbild, das sich auf die neutestamentlichen Evangelien stützt und einen unverheirateten Jesus präsentiert, revidiert werden muss? Findet sich in dem Fragment die Wahrheit über den historischen Jesus von Nazaret – eine Wahrheit, die von der „Kirche“ eventuell gezielt unterdrückt wurde? Kann dieses Fragment vielleicht sogar die Fundamente der “Kirche”, insbesondere der römisch-katholischen Kirche erschüttern? Wenn der historische Jesus, der ja das Fundament der Kirche und Maßstab ihrer Lehre ist, verheiratet war und Frauen in die autoritative Stellung von Jüngerinnen eingesetzt hat, mit welchem Recht kann und darf eine “Kirche” im Namen desselben Jesus ihren Amtsträgern die Eheschließung und ein Ausleben ihrer Sexualität verweigern und mit welchem Recht kann und darf sie im Namen Jesu Frauen aus dem Kreis ihrer Amtsträger ausschließen?

"Dass Frauen in den frühen christlichen Gemeinden nicht am Rand standen und von Anfang an führende Positionen einnehmen konnten, lässt sich bereits den Briefen des Apostels Paulus entnehmen [...]"

Ist der Text jedoch wirklich so spektakulär und enthält er tatsächlich eine bisher unbekannte “Wahrheit” über Jesus von Nazaret und bietet er wirklich revolutionäre Einsichten in die Anfänge oder zumindest in die frühe Zeit der Jesus-Bewegung?

Christliche Gruppen und Gemeinden, in denen Frauen eine besondere Stellung einnahmen und Leitungsfunktionen ausübten, sind längst aus anderen Quellenschriften aus der Zeit der frühen Kirche bekannt. Solches berichtet beispielsweise am Ende des 2. Jahrhunderts der aus Kleinasien stammende Irenaeus von Lyon in seiner Schift “Gegen die Haeresien” über Gemeinden von christlichen Gnostikern (oder gnostischen Christen) und dasselbe gilt auch für die aus den Schriften des Tertullian (2./3. Jh.), aus der “Kirchengeschichte” des Eusebius von Caesarea (3./4. Jh.) und aus anderen Quellen bekannten Montanisten, d.h. einer von einem gewissen Montanus initiierten christlich charismatischen Bewegung, in der Frauen als Prophetinnen eine zentrale Rolle und große Autorität hatten. Dass Frauen in den frühen christlichen Gemeinden nicht am Rand standen und von Anfang an führende Positionen einnehmen konnten, lässt sich bereits den Briefen des Apostels Paulus entnehmen, in denen Frauen als Diakone und Apostel, d.h. als Gestalten in herausragenden und leitenden Positionen in den Gemeinden, genannt sind (vgl. Röm 16).

Auch Aussagen über eine besonders enge Beziehung zwischen Jesus und Maria aus Magdala sind längst aus anderen, sogenannten apokryphen Evangelien bekannt. In diesen meist gnostisch geprägten Schriften erscheint Maria aus Magdala als Empfängerin und Trägerin besonderer Offenbarungen. Um das enge, geradezu intime Verhältnis zwischen Jesus und Maria aus Magdala und ihre gegenüber den männlichen Jüngern ausgezeichnete Stellung auszudrücken, verwenden diese Schriften oft eine erotisch aufgeladene Sprache, um die Einweihung in die rettenden Geheimnisse und die heilsrelevante Beziehung zum Erlöser auszudrücken. Die Aussagen über ein solch enges Verhältnis zwischen Jesus und Maria aus Magdala verdanken sich nicht einer von den neutestamentlichen Evangelien unabhängigen Überlieferung. Denn schon im Johannesevanglium erscheint Maria aus Magdala in den Oster- und Erscheinungserzählungen des 20. Kapitels als Offenbarungsempfängerin, die gleichberechtigt neben Simon Petrus, dem namenlosen “geliebten Jünger” und anderen Jüngern steht (oder diese sogar überragt). Die drei synoptischen Evangelien allerdings kennen eine solche Sonderstellung der Maria aus Magdala nicht.

Bezüglich der Frage, ob das “Evangelium von der Ehefrau Jesu” voraussetzt, dass Jesus von Nazaret verheiratet war, sind zusätzliche Überlegungen nötig.

Aufgrund des fragmentarischen Zustands des Textes ist es bereits eine Interpretation, wenn man die von den Jüngern genannten Maria, die der Stellung als Jünger nicht würdig ist, mit der in der Antwort Jesu genannten Ehefrau verbindet. Die von den Jüngern genannte Maria könnte sich auch auf die zuvor genannte Mutter Jesu beziehen und konstatieren, dass sie nicht wert ist, zu den Jüngern gerechnet zu werden. Wer die Ehefrau Jesu ist und wie sie heißt, bliebe dann offen. Selbst wenn der Name Maria mit der Ehefrau Jesu zu verbinden ist, ist es dennoch nur ein interpretierendes Postulat, dass diese Maria mit der in den neutestamentlichen Evangelien und anderen frühchristlichen Schriften Maria aus Magdala zu identifizieren ist”.

"Das Fragment [...] ist ein Zeugnis für Entwicklungen innerhalb des christlichen Glaubens und für die große Vielfalt von Interpretationen, die die Person Jesu im Laufe der Zeiten und in der Auseinandersetzung mit verschiedenen religiösen Strömungen in christlichen Gemeinden und Gruppen finden konnte."

Es lässt sich allerdings nicht mit Sicherheit sagen, dass das Papyrusfragment einen verheirateten Jesus voraussetzt. Das koptische Wort in der Antwort Jesu an die Jünger ist zwar mit „Ehefrau“ durchaus korrekt übersetzt; doch kann es sein, dass die Aussage “meine Ehefrau” im Munde Jesu nicht wörtlich, sondern übertragen zu verstehen ist (dasselbe könnte auch für “meine Mutter” gelten). Es könnte um eine Umschreibung für Jüngerschaft gehen (ähnliches findet sich bereits in der Verwandtenperikope der synoptischen Evangelien, in denen die Stellung als Jesu “Mutter”, “Bruder” und “Schwester” in diesem Sinn neu definiert wird).

Außerdem könnte das Papyrusfragment einen gnostischen Hintergrund haben, vor dem die Rede von eine “Ehefrau” Jesu nicht auf den familiären Stand oder gar auf eine sexuelle Beziehung des irdischen Jesus von Nazaret zu einer Frau bezogen wäre. In verschiedenen gnostischen Systemen ist nämlich die Vorstellung bezeugt, dass das Göttliche oder die göttliche Sphäre sich in mehrere Paargenossenschaften aus je einem männlich und einem weiblich qualifizierten Partner gliedert, die mit Termini einer ehelichen und sexuellen Beziehung verbunden werden (was symbolisch bzw. metaphorisch zu verstehen ist). In christlich-gnostischen Systemen erscheint der Erlöser Jesus als Teil der göttlichen Sphäre, der als männlicher Partner einer weibliche Paargenossin zugeordnet ist. Bei der “Braut” oder “Ehefrau” Jesu könnte deshalb an die Sophia, die göttliche Weisheit, die Paargenossin des männlichen Erlösers gedacht sein.

Auch eine ekklesiologische Deutung des Textes ist möglich, bei der die Ehefrau Jesu auf die Kirche verweisen könnte. Erinnert sei hier an die Johannesoffenbarung oder auch an den Epheserbrief, wo die Kirche als Braut Christi bezeichnet wird. Auch hier geht es um eine metaphorische Rede, bei der die enge Beziehung und die Zusammengehörigkeit zwischen Jesus und der Kirche ausgedrückt werden soll. Eine ähnliche ekklesiologische Perspektive ist eventuell im Passionsbericht des Johannesevangeliums zu finden, wo die “Mutter Jesu” unter dem Kreuz für die Kirche steht, die dem “geliebten Jünger” und seinem Zeugnis übergeben wird. Entsprechend könnte auch im „Evangelium von der Ehefrau Jesu“ mit “meiner Mutter” die Gemeinde oder Kirche gemeint sein.

Selbst wenn es sich bei dem “Evangelium von der Ehefrau Jesu” nicht um eine moderne Fälschung handeln sollte, ist festzuhalten: Wie auch immer der Text zu verstehen ist und welche Deutungen auch immer er zulassen mag, er ist kein Beleg dafür, dass man ernsthaft und wissenschaftlich begründet davon ausgehen kann, dass der historische Jesus von Nazaret verheiratet war und dass in diesem Punkt das Jesusbild der neutestamentlichen Evangelien zu korrigieren ist. Der unter dem Titel “Evangelium von der Ehefrau Jesu” publizierte Text liefert weder spektakuläre neue Informationen noch bietet er zuverlässigere Nachrichten über den historischen Jesus von Nazaret und die Anfänge der Jesus-Bewegung als die neutestamentlichen Evangelien und andere bisher bekannte Zeugnisse über Jesus. Das Fragment ist keine Quelle für die Rekonstruktion des Lebens, des Wirkens und der Lehre des Jesus von Nazaret und führt auch nicht in die Zeit Jesu und der Anfänge des Christentums zurück.

Das Fragment, sofern es echt ist, gehört in eine spätere Zeit, wahrscheinlich irgendwann zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert, und ist ein Zeugnis für Entwicklungen innerhalb des christlichen Glaubens und für die große Vielfalt von Interpretationen, die die Person Jesu im Laufe der Zeiten und in der Auseinandersetzung mit verschiedenen religiösen Strömungen in christlichen Gemeinden und Gruppen finden konnte.

Weiterführende Informationen und Hinweise

→ Seite der Harvard Divinity School zum “Gospel of Jesus’ Wife” (Text mit Übersetzung, Bilder des Fragments, Studien):  https://gospelofjesusswife.hds.harvard.edu
→ Wichtige Beiträge zur Diskussion der Forschung um Inhalt und Echtheit des Fragments: New Testament Studies, Volume 61/3, July 2015.

Zum Autor: Thomas Johann Bauer ist Professor für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Universität Erfurt. 

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