Gender(-studies) in der Theologie – Warum und Wozu?

“Gender(-studies) in der Theologie – Warum und Wozu?” Unter diesem Titel fand vom 28. bis 29. November eine internationale Fachtagung für katholische Theolog*innen in Münster statt. Von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt nahmen daran vier Studentinnen sowie Nils Hoffmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, teil. Über Inhalte der Tagung sowie die Relevanz von Gender(-studies) für Lehre und Forschung resümieren die Teilnehmer*innen im folgenden Beitrag.

von Juliane Neitzke, Johanna Birkefeld, Antonia Dölle, Jennifer Aigner und Nils Hoffmann 

Der erste Themenschwerpunkt der Tagung war gekennzeichnet durch einen Einblick in den derzeitigen Forschungsstand der Genderstudies, speziell im Fachbereich der Kirchengeschichte, welcher durch Dr. Stefanie Neidhardt und Prof. Dr. Christian Handschuh in einem Dialogvortrag vorgestellt wurde. Dass die Genderforschung in der Kirchengeschichte ein bereits etabliertes und weites Feld ist, wurde anhand des Frauenbildes im Mittelalter beispielhaft veranschaulicht. Die Vortragenden und das Plenum hielten fest, dass Fragen nach der kulturellen Kategorie des Geschlechts und der Wechselwirkung von Identitätsformierungsprozessen, Sozialisationsformen und kulturellen geprägten Lebensweisen sowie der Bedeutung der Geschlechterrollen noch intensiver in die Forschung der Kirchengeschichte integriert werden können. Es schloss sich ein Panel mit kurzen Impulsvorträgen und darauffolgender Podiumsdiskussion an, indem die Genderforschung aus den Perspektiven der Menschenrechte (Dr. Irene Klissenbauer), der feministischen Befreiungstheologie (Dr. Julia Lis) und im Horizont von Rechtspopulismus und christlichem Fundamentalismus heute in Europa am Beispiel Ungarns (Dr. Rita Perintfalvi) betrachtet wurde.

Der zweite Schwerpunkt der Tagung bestand in Einblicke in die Frauenforschung. Dieser setzte sich aus drei Kurzvorträgen mit je anschließender Diskussion zusammen. Nachdem Ass.-Prof. Dr. Katja Winkler zum Beitrag von Gendertheorien zur Lösung des Repräsentationsproblems in der theologischen Ethik sprach, erläuterte Dr. Andrea Hofmann die Rolle der Frau in der evangelischen Kirche während des Ersten Weltkrieges. Verdeutlicht wurde dabei, dass in dieser Krisen- und Ausnahmesituation auch Frauen die pastoralen Aufgaben, die sonst den Männern vorbehalten waren, ausübten. Der Erste Weltkrieg kann so als Motor für die Entwicklung der Rolle der Frau gesehen werden, auch wenn dennoch das Mutter- und Familienbild weiterhin an erster Stelle stand und diese neue Aufgabenverteilung zunächst vorläufig und für die Zeit des Krieges gedacht war. Michael Swiatkowski rundete dieses Themenfeld der Frauenforschung mit der Betrachtung von Identitäts- und Geschlechtsbildern in Social Media ab. Das Hauptaugenmerk legte er dabei auf die Plattform Instagram, auf der die klassischen Rollenbilder von Mann und Frau stark vertreten und bewusst inszeniert werden. Daraus leitete er die mögliche These ab, dass die Nutzungshäufigkeit sozialer Medien durch Jugendliche und junge Erwachsene in direktem Zusammenhang mit der Festigung klassischer Rollenbilder und daraus resultierender Rollenklischees in dieser sozialen Gruppe stehen kann. Trotz dessen sollten die pastoralen Möglichkeiten der sich in diese soziale Gruppe hinein bietenden Reichweite nicht vernachlässigt werden.

Der dritte Schwerpunkt wurde mit dem Themenfeld der Männerforschung gesetzt. In Gegenüberstellung zu den Beiträgen zum “Einblick in die Frauenforschung” folgten zum Abschluss des ersten Tages zwei Vorträge zum Thema Männerforschung. Prof. Dr. Hans-Ulrich Weidemann, Inhaber der Professor für Neues Testament am Seminar für Katholische Theologie der Universität Siegen, erläuterte unter diesem Aspekt die Gleichsetzung von Männlichkeit und Menschlichkeit in der biblischen Sprache. Im Rahmen der Männlichkeitsforschung ist es daher die Aufgabe der Exegese, Männer und die sogenannten Männlichkeitsideale in einer durchgehend androzentrischen Sprache sichtbar zu machen. Anders ausgedrückt meint dies, dass in der Bibel eine nahezu durchgehende Verwendung des generischen Maskulinums vorliegt und somit häufig unklar ist, wann es sich um rein maskuline Gruppen handelt und wann eine gemischte Gruppe durch den Sprecher adressiert wird.

Die Tagung bot an dieser Stelle nicht nur renommierten Theolog*innen die Möglichkeit ihre Forschungen vorzustellen. Zu den Nachwuchswissenschaftler*innen, die ihre Forschung vorstellten, zählte auch der an der Universität Hamburger forschende Theologe Gerrit Spallek. In seinem Vortrag berichtete er von seinen explorativen theologischen Forschungen auf dem Straßenstrich von St. Pauli, das er als “Heterotopie der Stadt” bezeichnete. Durch rhetorisches Geschick der Frauen werden Sex, sexuelle Lust und hegemoniale Männlichkeit lukrativ vermarktet. In den Gesprächen mit den Frauen, so berichtete Spallek, hat er sich seiner Reduzierung auf Geschlecht und Gender ohnmächtig ausgesetzt gefühlt. Im zweiten Abschnitt sowie im anschließenden Gespräch wurde in einer für die gängige katholische Theologie sehr erfrischenden Offenheit über Sexualität gesprochen. Während das 2016 veröffentlichte apostolische Schreiben “Amoris Laetitia” von Papst Franziskus die sexuelle Liebe zwischen zwei sich liebenden Menschen als “Vorgeschmack des Auferstehungsgeschehens” zwar würdigt und damit immens aufwertet, wurde im Konsens der Teilnehmer*innen der Tagung die lehramtliche Verklärung von Sexualität nach wie vor als problematisch gewertet.

Am zweiten Tag wurden die Teilnehmer*innen in zwei Panels in weitere Themenbereiche der Genderstudies eingeführt. Im ersten Panel wurde dabei durch die Grazer Dogmatikerin Prof. Dr. Gunda Werner die Methode der Intersektionalität und ihre Anwendbarkeit in der systematischen Theologie vorgestellt und diskutiert. Frau Prof. Werner stellte die Methode dabei als eine Möglichkeit vor, den Genderdiskurs in und mit der systematischen Theologie zu erweitern. Intersektionalität meint dabei, dass eine Problemstellung nicht nur eine Lösung haben kann, sondern mehrere und dass durch die singuläre Betrachtung einer der Lösungen mögliche andere Lösungen verdeckt werden können. Die Methode der Intersektionalität ist dabei der amerikanischen Jurisdiktion und Diskriminierungsforschung entlehnt, bei der z.B. die Diskriminierungserfahrungen von “women of color” in den Blick genommen werden. So schilderte Frau Werner an diesem Beispiel, dass die relevanten Faktoren für eine Diskriminierungserfahrung nicht allein in einem Faktor, sondern meisten in den drei Faktorengruppen “Geschlecht – Sex – Gender“, “Klasse” und “Bildung” gemeinsam abgebildet werden und es so zu multiplen Diskriminierungserfahrungen kommt.

Im letzten Panel der Tagung wurden dann noch die verschiedenen Sichtweisen auf Transgender, Queerstudies und Intergeschlechtlichkeit zur Sprache gebracht und deren Relevanz für theologisches Denken herausgestellt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Tagung uns einen Einblick in die aktuellen theologischen Forschungsgebiete, die durch die Gender(-studies) thematisch berührt werden, verschaffen konnte. Sie vermittelte uns so ein breites Spektrum an Wissen, über das wir wohl noch lange nach Sinnen werden. Sie hat es uns ermöglicht neue Einblicke in die verschiedensten Bereiche der Männer-, Frauen- und Divers-Forschung zu erlangen und uns entsprechend zu schulen. Insbesondere ist uns innerhalb dieser zwei Tage die Komplexität und Relevanz des Themas aufgezeigt worden. Wie wichtig der wissenschaftliche Austausch innerhalb der unterschiedlichen theologischen Fächer und den Konfessionen ist, vor allem aber was theologische Forschung bewirken kann. Dies motiviert zusätzlich den eigenen Wissens- und Forschungsdrang nicht abklingen zu lassen.

Die Katholisch-Theologische Fakultät wurde durch die Studentinnen Juliane Neitzke, Johanna Birkefeld, Antonia Dölle, Jennifer Aigner und Nils Hoffmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, bei der Tagung vertreten. Anlass zur Tagung gab die Restrukturierung der Arbeitsstelle für Theologische Genderforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

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